Wie erklärt man einem Algorithmus die Liebe? Auf Dating-Plattformen geben die User direkt oder über die Freigabe ihrer Social-Media-Profile viele Informationen über sich preis. Mit deren Hilfe macht sich ein Algorithmus dann auf die Suche nach ihrem potentiellen Traumpartner. Diese Informationen bleiben aber nicht unbedingt auf den Plattformen. Datenhändler machen ein gutes Geschäft damit, Profilinformationen weiterzuverkaufen – das offenbart die Recherche zu dem gemeinsamen Projekt „The Dating Brokers: An autopsy of online love“ der Künstlerin Joana Moll und der Organisation Tactical Tech Collective.
Das Ergebnis des „Dating Brokers“-Projektes ist eine eigene kleine Daten-Auktion. Jede Minute startet sie in eine neue Runde. Profile von 540 weiblichen Nutzerinnen, homosexuell, Single, auf der Suche nach Liebe? Gibt es für 307,80 Dollar. Natürlich findet hier kein echter Verkauf statt. Es ist eine Simulation, die die Ergebnis-Gruppe aus einem Datensatz zeigt, den das Kollektiv und die Künstlerin im vergangenen Jahr gekauft haben. Die Daten und die Fotos aber sind echt, lediglich um Identifikationsmerkmale bereinigt. Sie stammen überwiegend von der kanadischen Dating-Plattform Plenty of Fish. Sie gehört zur Match Group, dem Konzern hinter Tinder, OkCupid und dutzenden anderen Online-Dating-Angeboten.

Marktplatz der Dating-Daten
Die Daten stammen von einem Datenhändler, einem sogenannten Data Broker. Für gerade mal 136 Euro erstand das Kollektiv Daten aus einer Million Online-Dating-Profilen von der Plattform USDate – darunter auch 681 Datensätze von deutschen NutzerInnen. Auf der Website von USDate lassen sich „handverlesene“ Datensätze, so heißt es in der Produktbeschreibung, so einfach einkaufen wie auf anderen Websites Schuhe oder Jacken.
Die Daten geben Auskunft über Alter, Geschlecht, Herkunft, sexuelle Orientierung, E‑Mail Adressen, persönliche Interessen und vieles mehr. Eben alles, was man so wissen muss, um die wirklich große Liebe zu finden. Zu einem gut ausgefüllten Dating-Profil gehören außerdem noch Bilder. Fünf Millionen Fotos erstand das Kollektiv als Teil der erworbenen Profilinformationen.
Über eine aufwendige Analyse der Metadaten gelang es der Gruppe herauszufinden, von welchem Dating-Anbieter die Bilder ursprünglich stammen. Die Daten wurden einsatzbereit in CSV- und SQL-Dateien geliefert, erzählt die Künstlerin Joanna Moll, „bereit für die Installation und um sie auf einer neuen Dating-Plattform laufen zu lassen.“
Die Recherche zeigt, dass Datenhändler genau damit werben: Mit solchen von anderen Portalen kopierten Datensätzen können neue Dating-Plattformen vorab mit NutzerInnen-Profilen bevölkert werden, um schneller an bezahlte Mitgliedschaften von echten Usern zu kommen. Diese Praxis ist in der Branche offenbar weit verbreitet. Auch bereits etablierte Plattformen nutzen die Datensätze, um in ihrem Netzwerk neue Gesichter zeigen zu können. So sollen NutzerInnen mit einem entgeltfreien Account dazu motiviert werden, zu einem bezahlten Premium-Account zu wechseln, auch wenn die eingekauften Profile niemals auf ihre Anfragen reagieren werden.
Echte Daten für echte Liebe
Tinder gehört zu den bekanntesten Dating-Plattformen und ist im Bereich des Social-Dating angesiedelt. Also mal ganz unverbindlich jemanden kennenlernen. Ohne Facebook-Account funktionierte die Anmeldung allerdings lange Zeit nicht und spätestens das sollte deutlich machen, dass die Partnersuche hier doch nicht ganz so unverbindlich ist. Auf diesem Weg wird das Dating-Profil nämlich mit allerhand Informationen angereichert, die sich aus dem Facebook-Profil ableiten lassen.
Die Datenschutzerklärung von Tinder haben vermutlich die wenigsten NutzerInnen gelesen. In der deutschen Version heißt es ganz deutlich:
Es versteht sich von selbst, dass wir Ihnen nicht bei der Etablierung bedeutungsvoller Verbindungen helfen können, ohne dass wir einige Daten von Ihnen kennen, wie beispielsweise grundlegende Profildaten und die Arten der Menschen, die Sie gerne treffen möchten. Wir erfassen auch Daten, die generiert werden, während Sie unsere Dienste nutzen, wie beispielsweise Zugriffsprotokolle, aber auch Daten von Drittparteien, etwa wenn Sie über soziale Medien auf unsere Dienste zugreifen.
Es führt also kein Weg daran vorbei, seine persönlichen Daten mit dem Anbieter zu teilen – zumindest, wenn man einen passenden Partner oder eine Partnerin finden will.
Weiter unten schlüsselt die Datenschutzerklärung auf, woher diese persönlichen Daten stammen und wofür sie verwendet werden. Dabei wird deutlich, dass es eben nicht ausschließlich darum geht, Seelenverwandtschaften algorithmisch über Facebook-Likes zu berechnen, sondern dass die Daten auch an andere Dienste weitergegeben werden. Das sind zum einen weitere Angebote des Tinder-Mutterkonzerns Match Group, der seit einiger Zeit den Markt für Datingplattformen aufkauft und inzwischen auch Angebote wie OkCupid, Match, LoveScout24 sein Eigen nennt. Andererseits meint das aber auch Partner und Drittanbieter, die Tinder helfen, „seinen Dienst zu verbessern“. Damit sind zum Beispiel Werbenetzwerke gemeint.
Die NutzerInnen bleiben im Dunkeln
Joana Moll fasst zusammen, was sie und Tactical Tech mit ihrem Projekt erreichen wollen:
Hauptsächlich wollen wir auf die höchst unethischen und unmoralischen Praktiken aufmerksam machen, die für das Online-Dating-Geschäft essenziell sind, aber für die NutzerInnnen komplett im Dunkeln liegen. Dabei sind sie es, die letztlich ausgenutzt werden.
Wenn man sich für einen Dienst wie Tinder anmeldet, muss einem als NutzerIn bewusst sein, dass jede Information für den Anbieter einen Wert hat und dass man die Kontrolle darüber verliert, wo diese Informationen landen. Der vordergründige Sinn von Online-Dating-Diensten verleitet die NutzerInnen schnell dazu, mehr über sich preiszugeben, als sie es anderswo im Netz tun. Selbst ein bezahlter Account schützt nicht davor, dass die Daten von diesen Plattformen abwandern.
Bei ihrer Analyse sind Jaona Moll und Tactical Tech darauf gestoßen, dass die meisten Datensätze, die sie auf der Seite USDate erworben hatten, ursprünglich von dem Netzwerk Plenty of Fish stammen, das 2015 an die Match Group verkauft wurde. Dass ihre persönlichen Informationen irgendwann in den Besitz der Match Group übergehen und an einen Datenhändler weiter verkauft werden, hat sich wohl keine der Personen Träumen lassen, die sich seit 2003 dort angemeldet haben.
Ob aus einem Unternehmensverkauf oder auf anderem Wege, das Projekt zeigt, wie aus diesen Profilinformationen über Datenhändler Kapital geschlagen wird und dass dies häufig ohne die bewusste Einwilligung der NutzerInnen geschieht. Derzeit sind die NutzerInnen dieser Situation beinahe machtlos ausgesetzt. Die Organisation Privacy International legte kürzlich Beschwerde gegen das Vorgehen von Datenhändlern bei europäischen Aufsichtsbehörden ein. Aufklärung alleine reicht nicht aus – die Unternehmen müssen im Sinne der VerbraucherInnen stärker reguliert werden.
Bis das soweit ist, gibt es kaum einen Weg geben, sich als NutzerIn von Dating-Plattformen gegen den Datenhandel zu schützen. Außer vielleicht das Profil zu löschen, denn schließlich heißt es ja auch: „Love is in the air.“
